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Warum ich laufe

Als ich erfuhr, dass ich einen Text übers Laufen schreiben soll, bin ich Laufen gegangen, um Ideen zu Sammeln. Es ist 9 Uhr morgens, als ich heute Morgen nach dem Training die Wohnung mit einem breiten Lächeln und einem Kopf voller Ideen betrete. Mehr als bereit, einen Text über meine Leidenschaft zu verfassen.

Vorab ist es wichtig zu sagen, dass jeder Mensch individuell ist und Laufen meiner Meinung nach eine Reise zu Dir selbst ist. Folglich ist auch jede Reise unterschiedlich.

Meine Reise zu mir selbst durch das Laufen fing vor etwa acht Jahren an. Mehrere in meiner Familie waren zu der Zeit starke Läufer und nahmen mich in einem Urlaub in Spanien auf eine kleine Joggingrunde zum Strand mit. Leider schaffte ich es nicht zum Strand, weil ich keine fünf Minuten durchhielt. Ich spazierte beschämt zurück ins Hotel und nahm für die nächsten zwei Jahre Abstand vom Laufen. Ich spielte Tennis, machte Yoga, ging im Sommer schwimmen und liebte die Natur.
Bewegung machte mir viel Spaß, doch keine dieser Sportarten entfachte ein wahres Feuer in mir.

Alexa

 

 

Mit 16 Jahren ging ich, wie viele junge Menschen in diesem Alter, durch eine schwere psychische Phase. Ich fühlte mich unsicher und hatte fast täglich Angstzustände. Darüber hinaus hatte ich keine Leidenschaft und Angst davor, nie einen Beruf zu finden oder ein ,,stabiles‘‘ Leben aufzubauen. Rückblickend habe ich damals einfach nicht an mich und meine Kraft geglaubt.
Ich habe kürzlich einen Artikel von der Tagesschau gelesen, in dem stand, dass sich der Corona-Lockdown zusätzlich negativ auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt hat.
Analysen zufolge hatten vor der Pandemie zehn Prozent von 16 bis 19-jährigen depressive Symptome, nach dem ersten Lockdown waren es bereits 25 Prozent (Quelle: Tagesschau – Mehr Jugendliche mit depressiven Symptomen, 28.07.2021).
Dennoch muss man bei Jugendlichen dringend zwischen Verhaltensweisen, die normaler Bestandteil der Pubertät sind und einer Depression unterscheiden.
Während Schlafstörungen, psychosomatische Beschwerden (z. B. Kopfschmerzen), Ängste, vermindertes Selbstvertrauen und Suizidgedanken Beispiele für ernsthafte Symptome einer Depression sein können, können Gereiztheit, Verschlossenheit, Langeweile oder Unzufriedenheit Teil der jugendlichen Entwicklung sein (Quelle:Deutsche Depressionshilfe – Depression im Kindes- und Jugendalter).

 

 

Alexa

In der Zeit meiner psychischen Probleme probierten die LäuferInnen meiner Familie erneut, mich zum Laufen mitzunehmen. Ich war immer noch schwach, aber hielt zwanzig Minuten durch.

Aus zwanzig Minuten wurden Dreißig, bis ich schließlich im Sommer 2017 anfing, jeden Morgen fünf Kilometer durch die Straßen Charlottenburgs zu Rennen. Ich stand etwas früher auf und rannte, bevor die Welt wach war. Das Gefühl einer täglichen Routine stärkt das Selbstbewusstsein.

Nach ein paar Monaten Training erlebte ich mein erstes Runner‘s High. Das beschreibt das Gefühl, wenn man beim Laufen in einen fast ekstatischen Zustand des Flows kommt. Du spürst keinen Schmerz und hast das Gefühl, ewig weiter rennen zu können. Ich habe in den letzten Jahren viele Definitionen für das Runner‘s High gehört, aber für mich ist es ein Zustand, der maximal eine Minute dauert. In diesem Moment werden besonders viele Glückshormone freigesetzt.
Auch heute, nach fünf Jahren intensiven Trainings, erlebe ich diesen Zustand maximal einmal im Monat. Ich arbeite nicht darauf hin, weil jeder Moment des Laufens wunderschön ist und es mir nicht um das kurzweilige Hochgefühl geht. Im letzten Winter 2021/22 hatte ich zum Beispiel fast drei Monate kein Runner‘s High.
Dennoch verbessert das Laufen meine Stimmung vor allem in der dunklen Jahreszeit und ich fühle mich sogar im Winter durch das Training glücklich ausgeglichen.

 

 

 

 

 

 

Darüber hinaus beweisen Studien immer wieder, dass Ausdauersport wie regelmäßiges Laufen die Zellen des Immunsystems, die uns vor Infekten schützen, vermehrt. Diese sogenannten T-Zellen wirken entzündungshemmend und schützen uns vor Erkältungen, Allergien und Autoimmunerkrankungen.

Auch das Schwitzen hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Schweiß besteht größtenteils aus Elektrolyten, Wasser und Salz und ist vorerst geruchlos. Er sorgt für die Durchblutung der Haut. Dadurch kann die Haut Antioxidantien aktivieren, mit welchen Zellen geschützt werden und einem Stressprozess entgegengewirkt wird, durch welchen sonst Keratin, Elastin und Kollagen abgebaut würden.
Darüber hinaus wirken die körpereigenen Lipide im Schweiß wie eine feuchtigkeitsspendende Crème. Das Ergebnis ist eine strahlendere, reinere Haut.

Trotzdem kommt es, vor allem am Anfang des Trainings, auf die richtige Intensität an. Wenn Du also gerade anfängst, übernimm Deinen Körper nicht, sondern sei mild mit Dir.
Ansonsten kann die ungewohnte körperliche Belastung den gegenteiligen Effekt haben und das Immunsystem sogar schwächen.

 

 

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Live Solheimdal

Ich werde oft gefragt, wie ich es schaffe so diszipliniert zu sein. Diese Frage ehrt mich sehr und bringt mich zum Schmunzeln, weil ich mich selber nicht als einen besonders disziplinierten Menschen betrachte.
Beim Laufen geht es mir um den Spaß und es ist Teil meiner Routine. Wie manche Menschen sich morgens einen Kaffee machen und diesem auf dem Balkon genießen, genieße ich mein morgendliches Training. Laufen muss nicht für jeden Etwas sein und ich empfehle es nur denen, die dabei Freude empfinden. Natürlich dauert es ein paar Monate, bis der Körper sich an die Bewegung gewöhnt hat und es nicht mehr schmerzt. In diesen Monaten würde ich empfehlen, sich eine Motivation oder Inspiration zu suchen. Ein Mensch, der schon dort ist, wo man hin möchte. Für mich sind zum Beispiel bis heute die größten Inspirationen Sydney McLaughlin und Live Solheimdal. Das sind zwei Läuferinnen die eine unglaublich positive Ausstrahlung und Energie haben. Eines Tages möchte ich unbedingt selber Menschen auf diese Art inspirieren.

 

 

Natürlich kann übermäßige Disziplin auch Nachteile haben. Wenn das Training zum Zwang wird, der Schlaf oder das Sozialleben drunter leidet, ist es vielleicht an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten. Laufen soll Spaß machen und das Leben schöner, vielfältiger und tiefgreifender machen.
Wenn mein Körper sich zum Beispiel eine Pause einfordert, lasse ich auch gerne geplantes Training und sogar Wettbewerbe ausfallen. Im letzten Jahr habe ich aus diesem Grund zwei Wettkämpfe verpasst.
Pausen sind wichtig, um den Sport vermissen zu können und immer wieder zu überprüfen, ob es noch das Richtige für einen ist. Wenn ich ein paar Tage nicht Laufe, fehlt mir der Sport sehr und ich freue mich riesig darauf, wieder anfangen zu können. Ohne Zwang und Druck, sondern aus purer Leidenschaft. Aber manchmal kommt das Leben dazwischen und man kann nicht trainieren. Ich verspreche Euch, dass man nicht innerhalb von einer Woche Trainingspause zu einem schwächeren Läufer oder einer schwächeren Läuferin wird. Ich habe sogar nach Pausen von wenigen Tagen das Gefühl, noch fitter zu sein.

 

Sydney McLaughlin

Obwohl Laufen sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt, dürfen natürlich auch Läufer und Läuferinnen schlechte Tage haben.
Bei meinem Training trage ich große, aufsitzende Kopfhörer und wähle die Musik passend zur Stimmung des Tages. Wenn ich also traurig bin, höre ich traurige Musik und fühle im Flow der Bewegung in die Emotion rein.
In anderen Trainings bin ich überglücklich und fliege zu lateinamerikanischer Tanzmusik 15 Kilometer lang durch die Straßen, Parks oder Wälder Berlins. Natürlich nicht, ohne jeden zu grüßen. Manchmal sogar alle Hunde.

Als ich im Herbst letzten Jahres meinen ersten Halbmarathon lief, war ich einfach nur wütend. Ich verwandelte die Wut in Energie und rannte die 21 Kilometer durch den magischen Volkspark Rehberge, während ich ein Album einer US-amerikanischen Rapperin hörte, die im Januar 2020 im Alter von 21 Jahren an einer Überdosis Fentanyl und Alkohol starb. Auf ihrem letzten Album rappt sie mit Passion über Herzschmerz, Unabhängigkeit und Einsamkeit. Die fast 1,5 Stunden Halbmarathon gaben mir einen Raum, ihre Kunst vollständig wertzuschätzen. Nach dem Halbmarathon war die Wut komplett verschwunden und durch ein Gefühl des Friedens und der Liebe ersetzt. Ich war so glücklich, dass ich direkt im Anschluss (nach einem großen Festmahl) noch tanzen gegangen bin.

 

Wo wir gerade bei Veranstaltungen sind, finde ich es wichtig zu erwähnen, dass ich im Sinne des Laufens auf einige Dinge verzichte. Ich trinke zum Beispiel keinen Alkohol und nehme auch sonst keine Drogen, achte auf eine gesunde Ernährung und darauf, jede Nacht mindestens 8 Stunden zu schlafen. Wenn ich also am Sonntagmorgen einen Wettkampf habe, gehe ich nicht am Abend davor noch lange Tanzen.
Tanzen gehen geht, aber dann halt nur bis Mitternacht und nicht in die Morgenstunden. Ich denke, die Glücksgefühle (Dopamin+Serotonin) und die mentale Klarheit, die das Laufen bringt, sind diese Verzichte wert.

 

 

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Für mich ist das Laufen 50% physischer und 50% mentaler Natur. Es ist nicht nur ein Sport, sondern tägliche Disziplin. Das kraftvollste Werkzeug beim Laufen langer Distanzen ist Dein Geist. Wenn Du anfängst die Ruhe, vermeintliche Langeweile und Konfrontation mit Dir selber auszuhalten, lösen sich die Grenzen Deiner Ausdauer im Laufen und langsam in allen weiteren Bereichen des Lebens auf. Beim Laufen zählt nicht, wie schnell Du bist, welches Auto Du fährst, wo Du herkommst oder wie viel Du besitzt. Wer läuft, ist ein vollwertiger Läufer oder eine vollwertige Läuferin. Es gibt keine Abkürzung zum Erfolg.
Beim Laufen kannst Du Dich selber nicht anlügen, sondern es geht nur darum, wie viel Zeit und Energie Du investierst.

Der Prozess ist nicht immer linear und manche Einheiten sind schlechter als die vom Tag davor, aber Du kriegst immer mehr raus, als Du investiert.

 

 

Berlin, den 05. März 2022

Alexa Anastasja Gusenburger, Erlebnis Campus Co-Trainerin

IG: @alexispexi

Literaturverzeichnis

  • Tagesschau (28.07.2021): Mehr Jugendliche mit depressiven Symptomen, URL: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/corona-depressionen-jugendliche-101.html
     
  • Deutsche Depressionshilfe (o.J.): Depression im Kindes- und Jugendalter, URL: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/depression-in-verschiedenen-facetten/depression-im-kindes-und-jugendalter#:~:text=Aktuell%20erkranken%20etwa%203%2D10,somatoforme%20St%C3%B6rungen%20und%20ADHS%20einhergeht.

 

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