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Walkability

Mehr Ziele und Wohlbefinden erreichen

Vielen von uns ist nicht mehr bewusst, was man mit einem 5-minütigen Fußweg alles erreichen kann.

 

Eventuell seid Ihr schon einmal zum Campus gelaufen, z. B. von einem S-Bahnhof oder von der eigenen Haustür aus? Oder Ihr nutzt näher gelegene Bushaltestellen, das eigene Fahrrad oder das Auto, um längere Fußwege zu vermeiden?

 

Walkability

Mit dem Begriff Walkability wird im wissenschaftlichen Diskurs beschrieben, wie fußgängerfreundlich ein Stadtraum ist, z.B. dieQualität von Fußwegen und Stadtgrün, eine sinnvolle Vernetzungsstruktur sowie die unabhängige Wegeführung weitab vom abgasbelasteten Fahrbahn-bereich des motorisierten Individualverkehrs (MIV). Im weiteren Sinne beschreibt ,Walkability' inwieweit andere aktive Mobilitätsformen, wie das Fahrrad- oder Tretrollerfahren angeregt werden. [1]


Für die Gesundheitsförderung ist Walkability von großer Bedeutung, da bereits alltägliche körperliche Aktivität positive Gesundheitseffekte hervorruft.


Mach 's multimodal

Verschiedene Verkehrsmittel zu nutzen spart Zeit und ist bequemer: z.B. sich mit dem Rad oder zu Fuß zum Bahnhof zu bewegen, anstatt auf den Bus zu warten. Als multimodal wird die Kombination verschiedener Verkehrsträger bezeichnet, um z. B. zum Arbeitsplatz zu gelangen. [2]


Die Zahl der in Berlin mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege steigt. 2018 lag der Anteil bei 18%. Das entspricht einem Zuwachs von 40% im Vergleich zu 2013, als der Anteil bei lediglich 13% lag. [3] Amsterdam und Kopenhagen sind Fahrradstädte; Paris entwickelt sich mehr und mehr zur Fußgänger*innenstadt.

 

Konstant blieb der Anteil der Wege die ausschließlich mit den eigenen Füßen zurückgelegt werden: 30% der Berliner*innen laufen [3] zum Ziel. Dies ist ein recht guter Wert und Berlin hat, im Vergleich mit anderen Städten eine gute Positionierung. Es könnte allerdings noch besser sein. Insbesondere, wenn einerseits die Erreichung der Klimaschutzziele andererseits eine Ausweitung der gesundheitsfördernden Alltagsmobilität sowie eine Stadt der kurzen Wege im Fokus steht.

 

Sowohl der Fahrrad- als auch Fußverkehr gehört zu den sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltigsten Fortbewegungsarten [4].

Defizitäre Straßen- und Gehweggestaltung verhindert multimodale Mobilität und die Lust am Zufußgehen und Radeln [2]. Mit dem 2018 erlassenen Berliner Mobilitätsgesetz (MobG BE) sollen neben dem öffentlichen Personennahverkehr auch die Sicherheit, Qualität und Zugänglichkeit des Fuß- und Radverkehrs für alle Bevölkerungsgruppen gestärkt werden.


Spazierengehen als Statussymbol?

 

Schaut man zurück in der Geschichte, so war es das emanzipierte Bürgertum, welches das Zufußgehen zelebrierte, wohingegen sich der Adel in Kutschen fahren ließ.

 

Flaneure präsentierten sich der städtischen Öffentlichkeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts, auf den Straßen von Paris. Demonstratives Langsam-Gehen als Reaktion auf das stetig hektisch werdende Großstadtleben konnten sich vor allem die privilegierten Bewohner*innen leisten [2]. Damen forderten als Passante bzw. Flaneuse mit diesem Verhalten die männliche Autorität heraus [3].

 

Die unter dem Pariser Stadtplaner Haussmann errichteten Boulevards boten einer wachsenden bürgerlichen Schicht Räume zur Selbstdarstellung durch repräsentatives Spazieren-Gehen.

Walkability_2

“Das Spazieren ist ein Schatz der Armen und heutzutage fast ihr Vorrecht“, so sah es 1930 der Berliner Literat Franz Hessel [7].

 

Für Zu-Fußgehende kann eine aktivierende und attraktive Umgebung das körperliche und geistige Wohlbefinden enorm verbessern. Laufen kann zudem ein Statement für ein entschleunigtes bewusstes Leben oder ein spiritueller Weg sein.

 


Menschlichen Maßstäbe in der Stadtentwicklung

Walkability dient auch als Konzept, um eine nachhaltige urbane Entwicklung voranzubringen. Sie wird insbesondere durch folgende Faktoren beeinflusst: Nutzungsmischung (z. B. Einzelhandel, Grünflächen, Kultureinrichtungen), Dichte der Wohn- / Arbeitsbevölkerung und architektonische Qualitäten. [8]


Quellen

  • [1] Tran, Minh-Chau (2018): Walkability als ein Baustein gesundheitsförderlicher Stadtentwicklung und -gestaltung. Online: https://shop.arl-net.de/media/direct/pdf/fb/fb_008/23_walkability_stadtentwicklung.pdf
  • [2] FUSS e.V. - Fachverband Fußverkehr Deutschland (2020): Flanieren, Promenieren. Online: https://www.fuss-ev.de/koerper-geist-gesellschaft/flanieren-promenieren, zugegriffen am 10. Juli 2020
  • [3] Forna, Aminatta (2018): Power Walking. Online: https://lithub.com/power-walking/, zugegriffen am 10. Juli 2020
  • [8] Forsyth, Ann (2015): What is a Walkable Place? The Walkability Debate in Urban Design. Online: https://dash.harvard.edu/handle/1/29663388, zugegriffen am 22. Juli 2020
  • [4] Deffner, Jutta (2011): Fuß- und Radverkehr – Flexibel, modern und postfossil. In: Schwedes, Oliver (Hrsg.): Verkehrspolitik: Eine interdisziplinäre Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften: 361–390
  • [2] Dziekan, Katrin (2011): Öffentlicher Verkehr. In: Schwedes, Oliver (Hrsg.): Verkehrspolitik: Eine interdisziplinäre Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften: 317–340
  • [3] Jacobs, Stefan (2020): Berliner fahren aufs Rad ab und laufen viel. Online: https://www.tagesspiegel.de/berlin/studie-zur-mobilitaet-in-berlin-berliner-fahren-aufs-rad-ab-und-laufen-viel/25646492.html, zugegriffen am 8. August 2020
  • [7] Miller, Michael B. (1981): The Bon Marche: Bourgeois Culture and the Department Store, 1869-1920. Princeton University Press

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